Beitrag für den 4. Mai 2012
Worte finden
Manchmal fehlen mir einfach die Worte: Überrascht und sprachlos, wenn etwas völlig unerwartetes geschieht. Überwältigt vor Glück, ein Moment, in dem die Zeit still zu stehen bleibt. Ohne Worte, weil mich etwas so schockiert, dass es mir die Sprache verschlägt.
„Am Anfang bist du taub und stumm“, so hat kürzlich ein Mann seine Erfahrungen nach der Ankunft in Deutschland geschildert. Weggehen aus all dem, was vertraut ist, alles hinter sich zu lassen, eintauchen in eine Realität, in der alles fremd ist:
Menschen aus aller Herren Länder, die hier in Bad Kreuznach ankommen, schildern im Nachhinein diesen Anfang in der Fremde als einen Zustand der Krise. Wenn alles anders ist als im bisherigen Leben, dann wird alles mühselig. Und wenn dann auch die Muttersprache nicht mehr hilft, sich mit Anderen zu verständigen, dann ist ein Mensch wie taub und stumm. Es ist wichtig, dass dann jemand kommt und die Sprachlosigkeit überwindet. Jahre später noch erzählen mir Migranten von der Person, die ihnen die ersten Worte in der deutschen Sprache vermittelt hat. Worte finden in der neuen Sprache, das ist wie ein Wunder. Schon mit wenigen einfachen Sätzen ist eine Verständigung möglich. Die Isolation wird durchbrochen, es gibt Begegnungen mit anderen Menschen. Nicht selten werden inm ersten Deutschkurs Freundschaften geschlossen.
Dass es lebenswichtig ist, vom ersten Tag in der Fremde an die neue Sprache zu lernen, liegt auf der Hand. Es ist jedoch nicht selbstverständlich, dass die neu angekommenen Flüchtlinge aus Somalia, aus dem Iran, aus Afghanistan Deutsch lernen können. Einen Anspruch auf einen Kurs haben sie erst, wenn sie anerkannt sind, das dauert nicht selten eins, zwei Jahre.
Es ist wunderbar, dass wir hier in Bad Kreuznach eine wachsende Zahl von Menschen haben, die mithelfen, erste Worte zu finden, Deutschkurse leiten, Lernpaten werden, Kindern Nachhilfe geben und im Alltag übersetzen. Und es ist schön, dass wir aus Spenden und Zuschüssen weitere Angebote für Deutschkurse und für Angebote zum Lesen und Schreiben lernen einrichten können.
Von Jesus wird im Markusevangelium berichtet, dass er einem Menschen begegnet, der taub und stumm ist. Er nimmt ihn aus der Menge, schenkt ihm seine Zuwendung und berührt ihn. Da findet er wieder Worte und versteht alles.
Wir können den ersten Schritt tun und die ersten Worte sprechen. Dann verwandelt sich die Sprachlosigkeit in lebendige Sprache und Begegnung geschieht.
Siegfried Pick
Pfarramt für Ausländerarbeit
Sichtwechsel hier auch als pdf-Datei:
Sichtwechsel 04.05.2012



